Offener Brief an die Evangelische Kirche in Deutschland

Berlin, im November 2018

Offener Brief an den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland und die geistlichen Leiter*innen der Evangelischen Landeskirchen in Deutschland

Ewigkeitssonntag: Gedenken an die Ertrunkenen im Mittelmeer

Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender Bedford-Strohm,
sehr geehrte Kirchenpräsident*innen,
sehr geehrte Landesbischöf*innen,
sehr geehrte Bischöf*innen,
sehr geehrte Landessuperintendent*innen,
sehr geehrte Präsides,
sehr geehrte Damen und Herren,

Sie erinnern sich:

AYLAN KURDI, 3 Jahre alt, aus Syrien. Ertrunken nach dem Kentern eines Bootes in der Nähe von Bodrum, Türkei.

Sie wissen vielleicht nicht von:

– FADWA TAHA ALI, 50 Jahre alt, aus Syrien. Erschossen im Mittelmeer beim Angriff der Ägyptischen Marine auf ein Boot mit 200 Geflüchteten.

– HUSHAM ALZUBAIR, 22 Jahre alt, Herkunft unbekannt. Gestorben nach Kopfverletzung, er wurde tot auf dem Dach eines Zuges von Frankreich nach Großbritannien gefunden.

In ganz Deutschland gedenkt die Evangelische Kirche am Ewigkeitssonntag der Verstorbenen. Eltern, Kinder, Freunde, Bekannte. Geliebte Menschen, die anderen fehlen.

Auch die mehr als 34.361 Menschen, die seit 1993 in Folge der europäischen Abschottungspolitik gestorben sind – allein im Jahr 2018 sind etwa 2000 Menschen im Mittelmeer ertrunken – waren geliebte Menschen, die anderen fehlen. Manche der Toten des Mittelmeeres werden auf See geborgen, andere an den Strand gespült und von ortsansässigen Menschen begraben, um ihnen ihre Würde zurückzugeben. Andere werden nie gefunden.

Die SEEBRÜCKE bittet Sie, sehr geehrte Damen und Herren, dieser Toten in Ihren Gottesdiensten am Ewigkeitssonntag zu gedenken. Erinnern Sie daran, dass Menschenwürde und Nächstenliebe universelle Werte sind, die nicht verhandelbar sind. Zeigen Sie, indem Sie die Namen einiger auf der Flucht Verstorbener verlesen, dass diese Eltern, Kinder, Freunde und Bekannten nicht vergessen sind. Ihr unnötiger Tod soll uns Mahnung sein, für sichere Fluchtwege, sichere Häfen, das Recht auf Rettung aus Seenot sowie die Wahrung der Menschenwürde einzutreten.

Wir bitten Sie, handeln Sie konkret:

  • Regen Sie in Ihren Kirchenkreisen und Gemeinden Diskussionen über die Folgen der Abschottungspolitik an und erinnern Sie an die Menschen, die auf der Flucht verstorben sind.
  • Setzen Sie sich dafür ein, dass Ihre Stadt/Gemeinde ein sicherer Hafen für Geflüchtete wird.
  • Ihre Stadt ist bereits ein sicherer Hafen? Helfen Sie in Ihrer Ortsbrücke mit, dass Geflüchtete wirklich in Ihrer Stadt ankommen – die Hürden auf dem Weg dorthin sind groß.
  • Sammeln Sie Kollekten zugunsten von Seenotrettungsorganisationen.

Wir danken Ihnen herzlich für die Weiterleitung dieses Briefes an Ihre Kirchenkreise, Ihre Kirchengemeinden und Ihre Pfarrer*innen.

Wir alle sind die SEEBRÜCKE!

Mit freundlichen Grüßen
SEEBRÜCKE