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Regressionsgefahr. Zur politischen Ökonomie queerer Flüchtlingshilfe

Uhrzeit

04.12.2018 um 19:00

Ort

Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus Schildstraße 12-19, 28203 Bremen, Germany

Link

Regressionsgefahr. Queer Refugee Support und die politische Ökonomie des Helfens
Ein Vortrag von Steffen Stolzenberger.

Im März 2016 wurde das Projekt Queer Refugees Hannover gegründet, das sich der Unterstützung von schwulen, lesbischen, bi-, trans- und intersexuellen sowie transgender Geflüchteten bei der Durchsetzung ihrer Bedürfnisse und Interessen annimmt. In mehr als zwei Jahren waren die Erfahrungen mit diesem Projekt widerspruchsvoll und geben eine kritische Selbstreflexion auf. Dazu sollen sie auf die gesellschaftlichen Bedingungen zurückgebeugt werden, die aller aktivistischen Praxis vorgängig sind und ihrer emanzipatorischen Absicht entgegenstehen. Indiz dafür ist die Beobachtung, dass die Unterstützung von Geflüchteten sich allzu schnell in einem endlosen Kreislauf von Asylanträgen, Ablehnungsbescheiden, Klagen und Umverteilungsanträgen verfängt und letztlich in bloße Elendsverwaltung regrediert. Dies ist allein aus der Analyse des Kapitalverhältnisses heraus zu verstehen, dessen Logik des Selbsterhalts durch Produktion und Konsumtion sich auch dort durchsetzt, wo die Subjekte gegen Herrschaft zu opponieren meinen. An unmittelbaren Bedürfnissen von Geflüchteten orientierte Unterstützung – so kategorisch sie geboten ist – affimiert notwendigerweise das Kapitalverhältnis, insofern ‚Flüchtlingspolitik‘ nicht mehr als „perennierender Skandal“ (Leo Elser) denunziert, sondern als nützliches Mittel gesehen und damit die Verwaltung von Menschenleben in bester Absicht mitbetrieben wird. Viele Gruppen zur Unterstützung von queeren Geflüchteten sind institutionell eingehegt und formieren das, was unter dem Begriff der „politischen Ökonomie des Helfens“ (Silke van Dyk / Elène Misbach) gefasst werden soll. Konsequenzen aus diesem grundlegenden Widerspruch für die aktivistische Praxis können indes nicht ohne die Wendung aufs Subjekt gezogen werden. Deshalb werden die Reflexionen im zweiten Teil des Vortrags in den Kontext der Debatte um die Kritik an queerem Aktivismus gestellt. Dieser bedient sich der postmodernen Ideologiebildung, unter der Rassismus und Flucht zu Diskursen geraten und nicht mehr in ihrer historischen Spezifik gefasst werden. Deshalb verschiebt Aktivismus sein Anliegen zu einer moralischen Parteinahme für Minderheiten. Dieser Ansatz aber, blind gegenüber der gesellschaftlich vermittelten Vereinzelung, evoziert ‚queer‘ als Vergemeinschaftungsideologie in abgeschotteten Schutzräumen. Dem wäre der Kampf gegen die Repression der Differenz als Konstitutionsbedingung aktivistischer Bündnisse entgegen zu halten. Vor diesem Hintergrund wird abschließend die grundsätzliche Frage gestellt, wie das Verhältnis von materialistischer Gesellschaftskritik und auf partikulare Interessen zielender queerer Politik zu bestimmen ist.