Wir erleben den Niedergang der europäischen Werte und der Menschenrechte.

Bei der Überquerung des Mittelmeeres sterben seit beinahe zwei Jahrzehnten Tausende. Das ist eine unfassbare humanitäre Katastrophe. Sie hätten gerettet werden können.

• Am 15. April 1912 sank die „Titanic“ im Atlantik, 1.514 Menschen fanden den Tod. Ihr Schicksal bewegt die Welt bis heute, etliche Spielfilme wurden gedreht.
• Am 28. September 1994 sank die „Estonia“ vor Finnland, 852 Menschen kamen ums Leben. Es gibt insgesamt sechs Gedenkstätten für sie.
• Vom 1. Januar bis 13. September 2018 (letzter Stand) sind nach Angaben des UNHCR (Hoher Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge) nachgewiesen mindestens 1.642 Menschen bei der Überfahrt in Booten ertrunken. Für sie legen Mandatsträger, Gewählte und Mächtige keine Kränze nieder.
• Die auf den Landwegen in Afrika Umgekommenen, die niemals die Mittelmeerküste erreichen, bleiben ungezählt.
Nach Schätzungen sterben dort etwa dreimal so viele wie im Meer.

Die Europäische Union und die allermeisten ihrer Mitgliedsstaaten betreiben weiterhin eine Abschottungspolitik, die es geflüchteten Menschen immer schwerer macht, auf europäischem Boden einen Asylantrag zu stellen. Gleichzeitig erleben wir verachtende Äußerungen gegen Flüchtlinge von Seiten europäischer Regierungsvertreter. Auch der Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, Horst Seehofer, ist durch sprachliche Entgleisungen aufgefallen. Tatenlosigkeit in Verbindung mit Zynismus ist menschenverachtend. Das ist ein Skandal!

Aus politischen Gründen werden zivile Seenotrettungsschiffe in Häfen festgehalten und am Auslaufen gehindert, während im Mittelmeer weiterhin Menschen ertrinken. Dem Kapitän des deutschen Seenotrettungsschiffes „Lifeline“ droht in Malta ein Jahr Haft. Gerettete werden tagelang nicht an Land genommen und versorgt, ein klarer Verstoß gegen die internationale SAR-Konvention. Seenotrettung, ein zutiefst menschliches und bisher niemals in Frage gestelltes, uraltes Tun, wird kriminalisiert. Das ist ein Skandal!

Wir solidarisieren uns mit allen Menschen auf der Flucht und erwarten von der deutschen und EU-Politik sofort sichere Fluchtwege, eine Entkriminalisierung der Seenotrettung und eine menschenwürdige Aufnahme derer, die fliehen mussten oder noch auf der Flucht sind. Wir fordern eine neue Afrikapolitik auf Augenhöhe, die durch faire Beziehungen dort ein menschenwürdiges Leben ermöglicht.

Der 3. Oktober ist der Feier eines stabilen, freiheitlichen deutschen Staates gewidmet. Wir wollen bewusst an diesem Tag die Opfer einer auch deutschen falschen Flüchtlings- und Afrikapolitik nicht übersehen. Wir nehmen sie an diesem Abend – wenigstens zeichenhaft – mit in unser Boot.